torsdag, mars 29, 2012

Hvite flekker

Mens jeg sitter inne og jobber intenst med «Rekkehusblues», skjer det andre ting i verden (selv om denne bloggen ikke akkurat bærer preg av det for tida). For å si det mildt. Blant annet har to småspurver valgt å stifte bo rett ute på loftet her hvor jeg sitter. Og våren kommer opp av bakken her i Danmark. Innimellom skjer det også annet nytt. I starten av mars dumpet den nye utgaven av SMUG Magasin ned i postkassa. En av mine korte noveller hadde sneket seg med, «Tokyo» (som tidligere har vært på trykk i Litteraturtidskriftet Lasso. Hvis du bor i Ozlo, kan du jo plukke det med deg fra Narvesen!

Og nå for noen dager siden kom det jaggu post fra Deutschland også. Det flerspråklige kulturtidsskriftet ANACHRONIA. Den eminente Gabriele Haefs har både selv bidratt med en tekst og hun har oversatt en tekst jeg har skrevet - «Hvite flekker» - som ikke har vært utgitt før. For de tyskkyndige kan man finne disse to, en tekst av Mick Fitzgerald og en om hvalfangst av Jon Michelet, mest sannsynlig hentet fra en bok som kommer fra hans hånd om ikke så skrekkelig lenge, i tidsskriftet. Og med Gabrieles tillatelse legger jeg den også ut her:

WEIßE FLECKEN
THOMAS J.R. MARTHINSEN

Stellen wir uns vor, die Welt sei nicht  entdeckt. Sie sei eine weiße Fläche, die Landkarte weise nicht nur weiße Flecken auf, sondern sei ganz weiß, die ganze Karte. So ist es, wenn wir Säuglinge sind, könnten wir sagen, und wenn wir heranwachsen, machen wir etwas mit diesem Weißen. Wir erforschen unsere Umgebung, Gesichter und Orte, Gerüche und Geschmäcker. Irgendwann fragen wir unsere Eltern, wo wir wohnen. Was ein Land ist. Was Erde bedeutet. Wir fragen, ob andere Städte andere Länder sind, wir begreifen es nicht, aber schon zu diesem Zeitpunkt ist etwas mit uns geschehen. Oder in  uns. Oft hören wir, die ganze Welt sei bereits entdeckt, es gebe keinen Ort auf der Erdoberfläche, der nicht schon von Menschen besucht worden wäre, heißt es, jedenfalls haben wir alles auf Film gebannt, alles in Computern gespeichert. Versuch es einfach bei Google Earth. Zoom drauflos, bis du den Erdball als grünblaue Kugel im Schwarzen siehst. Gib die Adresse deines Elternhauses ein und drücke auf Enter, der Erdball fängt an, herumzuwirbeln, und dann, zuerst langsam, dann immer schneller, kommt sie näher, die Welt, und du siehst deinen Erdteil, du siehst die Umrisse deines Landes, deines Regierungsbezirks, deines Wohnortes, du erkennst die Straßen der Nachbarstadt - und dann endlich, dein Haus, gesehen aus dem Weltraum, per Satellit. Oder du kannst den Erdball mit der Maus fassen, auf die linke Maustaste drücken und die Welt in die gewünschte Richtung drehen. Zum Beispiel kannst du dich zum Südlichen Eismeer weiterdrehen, ganz unten am Südpol, ein Ort, an dem du sicher noch nie warst, ein Ort, den du niemals mit eigenen Augen sehen wirst. Dann kannst du denken: Hier war Opa. Hier unten, an der Grenze der Welt, in der Antarktis, war Opa. Fast siehst du vor dir die Walfangboote, die im Feld eintreffen, die Kochereien, die wie große schwimmende Käfer da liegen, riesige Fabrikschiffe, die Rauch ausspeien, während sie darauf warten, dass die Beiboote anlegen und die Walrümpfe aus den vielen Trossen lösen. Das alles kannst du leicht vor dir sehen, dir vorstellen, wenn du den Mauspfeil über den Erdball wandern lässt und dich nach dem Lustprinzip auf dem Globus orientierst. Vielleicht möchtest du feststellen, wie es in Moskau aussiehst, welche Autofarbe dort in den Straßen am häufigsten auftaucht. Das kannst du nämlich sehen. Oder du kannst den Globus nach Japan drehen, nach Tokio, und dir das Shinjoku Washington Hotel suchen, das Hotel, das wie ein ins Stadtbild eingelassener weißer Wellenkamm aussieht, gleich bei dem Hotel, in dem Scarlett Johanssons und Bill  Murrays Rollenfiguren in „Lost in Translation“ wohnen. Alles ist zugänglich, alles ist sichtbar. Die Menschen, die Straßen, die Häuser, sogar die Hinterhöfe, du kannst alle Hinterhöfe der Welt sehen, dicht bei den Eisenbahngleisen. Du kannst sehen, welche Bäume hinter dem Haus einer Person stehen, über die du in der Zeitung liest, wenn du nur die Adresse hast, kannst du alles heranzoomen, was du willst. Aber dennoch scheint die Welt in einen Nebel eingehüllt zu sein. Nur ist der Nebel klar, ist der Nebel  durchsichtig. Es gibt nichts mehr zu entdecken, sagen wir. Es gibt keine weißen Flecken auf der kollektiven Karte der Menschheit. Wir waren überall, haben alles getan, alles erfahren. Wir  haben eine grenzenlose Gleichzeitigkeit. Aber gesetzt den Fall, wir nähmen einen Menschen zum Ausgangspunkt. Wir nehmen einen Einzelmenschen, der in der Welt aufwächst. Als Kleinkind stapfen wir durch diese bewölkte Nebellandschaft, in der die Schatten  weit zu sehen und in der der Nebel unsichtbar ist. Als Säuglinge spüren wir nichts, wissen wir nichts, können wir nichts. Aber dann nehmen wir Gestalt an. Dann beginnt die Lernkurve, wir werden hineingeworfen. Oder lassen uns hineinfallen. Wann hast du zuletzt einen Säugling gesehen, der alle Kräfte verbraucht in dem Versuch, die ganze Welt zu erfassen? Einen Säugling, dessen Blick nicht  über alles hinweggeirrt ist, über alle, der nicht versuchte, seine gesamte Umgebung zu umarmen? Wir sind genau wie sie. Zuerst bekommen wir die Sprache; nachdem wir nachgeahmt und gelauscht haben, nachgeäfft und Geräusche geformt, viele Monate lang, fängt unsere Sprache an, Gestalt anzunehmen Wir entdecken die Frage. Und mit der Frage kommt der Rest der Welt, mit der Frage werden wir zu Menschen. Was ist. Und nach diesem Stadium führt kein Weg mehr zurück, von hier wächst alles nur immer weiter. Dann wachsen wir heran und lernen unsere Nachbarschaft kennen. Wir kommen zur Schule, wir lernen unsere Klassenkameraden kennen, stellen fest, daß es auch möglich ist, in einem anderen Haus aufzuwachsen, mit anderen Eltern als unseren eigenen. Der Horizont erweitert sich. Wir gehen weiter zur Schule und der Radius erweitert sich. Jetzt fahren wir mit dem Rad zu Klassenkameraden, die in Häusern wohnen, die weit weg sind, an Orten, in der Stadt, die bisher im Dunkeln gelegen haben, die es eigentlich gar nicht gab, nur als Kollektives Wissen darüber, dass wir in einer Stadt wohnen, und wir gehen weiter zur Schule, einige kaufen sich ein Moped, andere ein Fahrrad. Dann werden wir achtzehn Jahre alt. Wir machen den Führerschein und begreifen, daß wir fahren können, wohin wir wollen. Langsam erwerben wir die Erkenntnis, daß wir in dem Land geboren sind, in dem wir leben. Daß wir von hier herstammen, von diesem Rand des Erdballs, wir, unsere Familie, die Generationen, die uns vorausgegangen sind. Daß wir Norweger sind, Japaner, oder daß wir aus Rußland kommen. Das geschieht in der ganzen Welt, nicht nur gleichzeitig, sondern auch zeitverschoben. Jeder einzelne Jahrgang von Menschen erlebt das. Wir erweitern unseren Horizont. Nach der Schule ziehen viele von uns in die Welt hinaus, wie man sagt. Inzwischen waren viele von uns auch in Ferien. Haben fünf, sechs Stunden oder länger im Flugzeug gesessen, einige sogar achtzehn bis zwanzig Stunden, wir haben Zypern und Màlaga gesehen, Hong Kong und Kreta, manche waren in  Schweizer Bergen unterwegs, andere haben an  neuseeländischen Stränden gelegen. Die Durchsichtigkeit der Karte wird undurchsichtig, Dinge bleiben an unserem mentalen Weltbild haften. Die Welt, wie wir sie kennen, wächst immer weiter. Unser ganzes Leben hindurch geht das so, und es fängt wirklich nach der Schule an, denn dann machen wir das zum ersten Mal auf eigene Faust. Wir entscheiden selbst, was wir sehen wollen. Wo wir entdecken wollen. Und bis wir das tun, ist die Welt weiß. Ein weißer Raum mit weißen Wänden, weißem Boden, weißer Decke. Es gibt keine Konturen, keine Muster. Aber wir bewegen uns einwärts, die Farben kommen. O ja, die Farben kommen. In der Grundschule lernen wir, was braun ist und was blau, und wenn wir älter werden, fahren einige von uns nach Australien, lesen ein Buch, das ein lokaler Autor geschrieben hat, daraus lernen wir, dass es achtundvierzig offizielle Schattierungen der Farbe braun gibt. Die Welt ist nicht mehr weiß und das schon seit einer ganzen Weile nicht mehr. Diese Kaskade wird weiter und stärker, ohne Grenzen, ohne Zügel, ohne Lenkung und jeder Kontrolle entzogen, das ganze Leben. Die Farben sprühen uns entgegen, wir lernen, uns die Welt als System aus Strukturen zu denken, die haltbar oder metaphysisch unhaltbar sind, wir sehen überall Muster, wir sehen, wie die Rillen einer Gartenschnecke im Spätsommer sich in der dezimeterdicken blaugrauen Haut des Blauwals wiederfinden, wir ahnen die ganze Zeit neue Zusammenhänge, neue Verbindungen von Information, und wenn wir eines Tages zum Beispiel ein neues Wort lernen, ein ganz neues Wort, für etwas, das wir schon lange spüren, für das uns jedoch das Wort fehlte, ja, dann taucht dieses Wort in den nun folgenden Tagen auf, als hätte es einen Sinn gehabt, daß wir just dieses Wort gelernt haben, es ist jedenfalls leicht, so zu denken. Die Welt wird  archiviert, wir archivieren sie für uns selbst, wir erweitern unser Wissen, unsere Gefühle, unsere eigene persönliche Empirie für das Leben, und diese Entfaltung wird größer und größer, reicher und schmerzlicher, schöner und häßlicher, während wir heranwachsen, wir durchmessen sinngesättigte Augenblicke im Leben. Augenblicke, die uns verwandeln, das spüren wir. Wir machen Erfahrungen in Bereichen, die bisher in diesem klaren, durchsichtigen Nebel gelegen haben, und die nur für andere gültig waren. Jetzt gehören sie uns und wir können sie nie wieder hergeben. So ist das ganze Leben, wir bauen es ununterbrochen aus, von den winzigsten Details, die wir bemerken, für ein Kind kann das die Entdeckung sein, daß es so viele unterschiedliche Automarken gibt, für Zwanzigjährige kann es die Begegnung mit Theorien über die Sprache sein, oder mit Baustrukturen, und von diesen Details führt der Weg zu den schicksalhaften Ereignisse, die uns erschüttern, sei das nun eine Geburt oder ein Todesfall, Ereignissen, die uns festigen, die uns vervollständigen. Irgendwo auf der Welt gibt es jeden Tag hunderte, nein, zehntausende von Menschen, die das Gefühl haben, aus ihrem Leben aufzuwachen, zu sich zu kommen, sie schauen zurück und denken: Habe ich mein Leben so gelebt? War ich das? Und von dort müssen sie dann weiter. Immer weiter. Bis man alt wird. Die Erweiterung der weißen Landschaft endet nicht, aber sie ändert ihren Charakter, das Neue erscheint uns nicht mehr als neu. Vielleicht hat man, fühlt man, eigentlich jetzt keinen Platz für mehr, man möchte ausruhen. Der Körper will Ruhe, das Gemüt will Ruhe, und man findet sich, mit zweiundachtzig Jahren, in einem Wohnzimmer, wo man in seinem üblichen Sessel sitzt, die Gattin sitzt im anderen, und plötzlich fallen einem seine Finger auf. Die ruhelos auf der Armlehne herumtrommeln. Was wollen diese Finger, fragt man sich. Wohin wollen sie? Dann schüttelt man den Kopf über sich selbst, erhebt sich mit steifem Rücken und geht durch sein Haus, lächelt seiner Frau zu, die in der Küche steht und kocht, Frikadellen in Bratensoße, mit Preiselbeeren, und man merkt selbst, daß das Lächeln müde ist, aber freundlich, und man geht weiter, schnappt sich Tabak und Blättchen vom kleinen Tisch vor dem Sofa. Man geht in sein Zimmer, das früher ein Atelier war, jetzt aber ist es ein Mausoleum für eingetrocknete Pinsel und verklumptes Terpentin unten in alten Einmachgläsern, und man setzt sich und steckt sich eine Zigarette an. Dann merkt man, daß sogar das Zwinkern anstrengend geworden ist, und man denkt immer wieder, bald ist es zu Ende, bald ist Schluß mit diesem Leben, das soviel gesehen, das viel zu wenig getan hat. Aber dann, fast ohne es selbst zu bemerken, wirft man einen Blick aus dem Fenster. Man sieht das Vogelhaus, das vor zehn Jahren erbaut worden ist. Und meine Güte, war das nicht ein Buchfink? Nein, ein Dompfaff? Und man streckt die Hand nach dem Illustrierten Buch der Singvögel aus, und die Bewegung geht weiter, die große Bewegung hinein ins Unbekannte geht weiter.

Übersetzung aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs