Mens jeg sitter inne og jobber intenst med «Rekkehusblues», skjer det andre ting i verden (selv om denne bloggen ikke akkurat bærer preg av det for tida). For å si det mildt. Blant annet har to småspurver valgt å stifte bo rett ute på loftet her hvor jeg sitter. Og våren kommer opp av bakken her i Danmark. Innimellom skjer det også annet nytt. I starten av mars dumpet den nye utgaven av SMUG Magasin ned i postkassa. En av mine korte noveller hadde sneket seg med, «Tokyo» (som tidligere har vært på trykk i Litteraturtidskriftet Lasso. Hvis du bor i Ozlo, kan du jo plukke det med deg fra Narvesen!
Og nå for noen dager siden kom det jaggu post fra Deutschland også. Det flerspråklige kulturtidsskriftet ANACHRONIA. Den eminente Gabriele Haefs har både selv bidratt med en tekst og hun har oversatt en tekst jeg har skrevet - «Hvite flekker» - som ikke har vært utgitt før. For de tyskkyndige kan man finne disse to, en tekst av Mick Fitzgerald og en om hvalfangst av Jon Michelet, mest sannsynlig hentet fra en bok som kommer fra hans hånd om ikke så skrekkelig lenge, i tidsskriftet. Og med Gabrieles tillatelse legger jeg den også ut her:
WEIßE FLECKEN
THOMAS J.R. MARTHINSEN
Stellen wir uns
vor, die Welt sei nicht entdeckt.
Sie sei eine weiße Fläche, die Landkarte weise nicht nur weiße Flecken auf,
sondern sei ganz weiß, die ganze Karte. So ist es, wenn wir Säuglinge sind,
könnten wir sagen, und wenn wir heranwachsen, machen wir etwas mit diesem
Weißen. Wir erforschen unsere Umgebung, Gesichter und Orte, Gerüche und
Geschmäcker. Irgendwann fragen wir unsere Eltern, wo wir wohnen. Was ein Land
ist. Was Erde bedeutet. Wir fragen, ob andere Städte andere Länder sind, wir
begreifen es nicht, aber schon zu diesem Zeitpunkt ist etwas mit uns geschehen.
Oder in uns. Oft hören wir, die
ganze Welt sei bereits entdeckt, es gebe keinen Ort auf der Erdoberfläche, der
nicht schon von Menschen besucht worden wäre, heißt es, jedenfalls haben wir
alles auf Film gebannt, alles in Computern gespeichert. Versuch es einfach bei
Google Earth. Zoom drauflos, bis du den Erdball als grünblaue Kugel im
Schwarzen siehst. Gib die Adresse deines Elternhauses ein und drücke auf Enter,
der Erdball fängt an, herumzuwirbeln, und dann, zuerst langsam, dann immer
schneller, kommt sie näher, die Welt, und du siehst deinen Erdteil, du siehst
die Umrisse deines Landes, deines Regierungsbezirks, deines Wohnortes, du
erkennst die Straßen der Nachbarstadt - und dann endlich, dein Haus, gesehen
aus dem Weltraum, per Satellit. Oder du kannst den Erdball mit der Maus fassen,
auf die linke Maustaste drücken und die Welt in die gewünschte Richtung drehen.
Zum Beispiel kannst du dich zum Südlichen Eismeer weiterdrehen, ganz unten am
Südpol, ein Ort, an dem du sicher noch nie warst, ein Ort, den du niemals mit
eigenen Augen sehen wirst. Dann kannst du denken: Hier war Opa. Hier unten, an
der Grenze der Welt, in der Antarktis, war Opa. Fast siehst du vor dir die
Walfangboote, die im Feld eintreffen, die Kochereien, die wie große schwimmende
Käfer da liegen, riesige Fabrikschiffe, die Rauch ausspeien, während sie darauf
warten, dass die Beiboote anlegen und die Walrümpfe aus den vielen Trossen
lösen. Das alles kannst du leicht vor dir sehen, dir vorstellen, wenn du den
Mauspfeil über den Erdball wandern lässt und dich nach dem Lustprinzip auf dem
Globus orientierst. Vielleicht möchtest du feststellen, wie es in Moskau
aussiehst, welche Autofarbe dort in den Straßen am häufigsten auftaucht. Das
kannst du nämlich sehen. Oder du kannst den Globus nach Japan drehen, nach
Tokio, und dir das Shinjoku Washington Hotel suchen, das Hotel, das wie ein ins
Stadtbild eingelassener weißer Wellenkamm aussieht, gleich bei dem Hotel, in
dem Scarlett Johanssons und Bill
Murrays Rollenfiguren in „Lost in Translation“ wohnen. Alles ist
zugänglich, alles ist sichtbar. Die Menschen, die Straßen, die Häuser, sogar
die Hinterhöfe, du kannst alle Hinterhöfe der Welt sehen, dicht bei den
Eisenbahngleisen. Du kannst sehen, welche Bäume hinter dem Haus einer Person
stehen, über die du in der Zeitung liest, wenn du nur die Adresse hast, kannst
du alles heranzoomen, was du willst. Aber dennoch scheint die Welt in einen Nebel
eingehüllt zu sein. Nur ist der Nebel klar, ist der Nebel durchsichtig. Es gibt nichts mehr zu
entdecken, sagen wir. Es gibt keine weißen Flecken auf der kollektiven Karte
der Menschheit. Wir waren überall, haben alles getan, alles erfahren. Wir haben eine grenzenlose
Gleichzeitigkeit. Aber gesetzt den Fall, wir nähmen einen Menschen zum
Ausgangspunkt. Wir nehmen einen Einzelmenschen, der in der Welt aufwächst. Als
Kleinkind stapfen wir durch diese bewölkte Nebellandschaft, in der die
Schatten weit zu sehen und in der
der Nebel unsichtbar ist. Als Säuglinge spüren wir nichts, wissen wir nichts,
können wir nichts. Aber dann nehmen wir Gestalt an. Dann beginnt die Lernkurve,
wir werden hineingeworfen. Oder lassen uns hineinfallen. Wann hast du zuletzt einen
Säugling gesehen, der alle Kräfte verbraucht in dem Versuch, die ganze Welt zu
erfassen? Einen Säugling, dessen Blick nicht über alles hinweggeirrt ist, über alle, der nicht versuchte,
seine gesamte Umgebung zu umarmen? Wir sind genau wie sie. Zuerst bekommen wir
die Sprache; nachdem wir nachgeahmt und gelauscht haben, nachgeäfft und
Geräusche geformt, viele Monate lang, fängt unsere Sprache an, Gestalt
anzunehmen Wir entdecken die Frage. Und mit der Frage kommt der Rest der Welt,
mit der Frage werden wir zu Menschen. Was
ist. Und nach diesem Stadium führt kein Weg mehr zurück, von hier wächst
alles nur immer weiter. Dann wachsen wir heran und lernen unsere Nachbarschaft
kennen. Wir kommen zur Schule, wir lernen unsere Klassenkameraden kennen,
stellen fest, daß es auch möglich ist, in einem anderen Haus aufzuwachsen, mit
anderen Eltern als unseren eigenen. Der Horizont erweitert sich. Wir gehen
weiter zur Schule und der Radius erweitert sich. Jetzt fahren wir mit dem Rad
zu Klassenkameraden, die in Häusern wohnen, die weit weg sind, an Orten, in der
Stadt, die bisher im Dunkeln gelegen haben, die es eigentlich gar nicht gab,
nur als Kollektives Wissen darüber, dass wir in einer Stadt wohnen, und wir
gehen weiter zur Schule, einige kaufen sich ein Moped, andere ein Fahrrad. Dann
werden wir achtzehn Jahre alt. Wir machen den Führerschein und begreifen, daß
wir fahren können, wohin wir wollen. Langsam erwerben wir die Erkenntnis, daß
wir in dem Land geboren sind, in dem wir leben. Daß wir von hier herstammen,
von diesem Rand des Erdballs, wir, unsere Familie, die Generationen, die uns
vorausgegangen sind. Daß wir Norweger sind, Japaner, oder daß wir aus Rußland
kommen. Das geschieht in der ganzen Welt, nicht nur gleichzeitig, sondern auch
zeitverschoben. Jeder einzelne Jahrgang von Menschen erlebt das. Wir erweitern
unseren Horizont. Nach der Schule ziehen viele von uns in die Welt hinaus, wie
man sagt. Inzwischen waren viele von uns auch in Ferien. Haben fünf, sechs
Stunden oder länger im Flugzeug gesessen, einige sogar achtzehn bis zwanzig
Stunden, wir haben Zypern und Màlaga gesehen, Hong Kong und Kreta, manche waren
in Schweizer Bergen unterwegs,
andere haben an neuseeländischen
Stränden gelegen. Die Durchsichtigkeit der Karte wird undurchsichtig, Dinge bleiben
an unserem mentalen Weltbild haften. Die Welt, wie wir sie kennen, wächst immer
weiter. Unser ganzes Leben hindurch geht das so, und es fängt wirklich nach der
Schule an, denn dann machen wir das zum ersten Mal auf eigene Faust. Wir
entscheiden selbst, was wir sehen wollen. Wo wir entdecken wollen. Und bis wir
das tun, ist die Welt weiß. Ein weißer Raum mit weißen Wänden, weißem Boden,
weißer Decke. Es gibt keine Konturen, keine Muster. Aber wir bewegen uns
einwärts, die Farben kommen. O ja, die Farben kommen. In der Grundschule lernen
wir, was braun ist und was blau, und wenn wir älter werden, fahren einige von
uns nach Australien, lesen ein Buch, das ein lokaler Autor geschrieben hat,
daraus lernen wir, dass es achtundvierzig offizielle Schattierungen der Farbe
braun gibt. Die Welt ist nicht mehr weiß und das schon seit einer ganzen Weile
nicht mehr. Diese Kaskade wird weiter und stärker, ohne Grenzen, ohne Zügel,
ohne Lenkung und jeder Kontrolle entzogen, das ganze Leben. Die Farben sprühen
uns entgegen, wir lernen, uns die Welt als System aus Strukturen zu denken, die
haltbar oder metaphysisch unhaltbar sind, wir sehen überall Muster, wir sehen,
wie die Rillen einer Gartenschnecke im Spätsommer sich in der dezimeterdicken
blaugrauen Haut des Blauwals wiederfinden, wir ahnen die ganze Zeit neue Zusammenhänge,
neue Verbindungen von Information, und wenn wir eines Tages zum Beispiel ein
neues Wort lernen, ein ganz neues Wort, für etwas, das wir schon lange spüren,
für das uns jedoch das Wort fehlte, ja, dann taucht dieses Wort in den nun
folgenden Tagen auf, als hätte es einen Sinn gehabt, daß wir just dieses Wort
gelernt haben, es ist jedenfalls leicht, so zu denken. Die Welt wird archiviert, wir archivieren sie für uns
selbst, wir erweitern unser Wissen, unsere Gefühle, unsere eigene persönliche
Empirie für das Leben, und diese Entfaltung wird größer und größer, reicher und
schmerzlicher, schöner und häßlicher, während wir heranwachsen, wir durchmessen
sinngesättigte Augenblicke im Leben. Augenblicke, die uns verwandeln, das
spüren wir. Wir machen Erfahrungen in Bereichen, die bisher in diesem klaren,
durchsichtigen Nebel gelegen haben, und die nur für andere gültig waren. Jetzt
gehören sie uns und wir können sie nie wieder hergeben. So ist das ganze Leben,
wir bauen es ununterbrochen aus, von den winzigsten Details, die wir bemerken,
für ein Kind kann das die Entdeckung sein, daß es so viele unterschiedliche
Automarken gibt, für Zwanzigjährige kann es die Begegnung mit Theorien über die
Sprache sein, oder mit Baustrukturen, und von diesen Details führt der Weg zu
den schicksalhaften Ereignisse, die uns erschüttern, sei das nun eine Geburt
oder ein Todesfall, Ereignissen, die uns festigen, die uns vervollständigen.
Irgendwo auf der Welt gibt es jeden Tag hunderte, nein, zehntausende von
Menschen, die das Gefühl haben, aus ihrem Leben aufzuwachen, zu sich zu kommen,
sie schauen zurück und denken: Habe ich mein Leben so gelebt? War ich das? Und
von dort müssen sie dann weiter. Immer weiter. Bis man alt wird. Die
Erweiterung der weißen Landschaft endet nicht, aber sie ändert ihren Charakter,
das Neue erscheint uns nicht mehr als neu. Vielleicht hat man, fühlt man,
eigentlich jetzt keinen Platz für mehr, man möchte ausruhen. Der Körper will
Ruhe, das Gemüt will Ruhe, und man findet sich, mit zweiundachtzig Jahren, in
einem Wohnzimmer, wo man in seinem üblichen Sessel sitzt, die Gattin sitzt im
anderen, und plötzlich fallen einem seine Finger auf. Die ruhelos auf der
Armlehne herumtrommeln. Was wollen diese Finger, fragt man sich. Wohin wollen
sie? Dann schüttelt man den Kopf über sich selbst, erhebt sich mit steifem
Rücken und geht durch sein Haus, lächelt seiner Frau zu, die in der Küche steht
und kocht, Frikadellen in Bratensoße, mit Preiselbeeren, und man merkt selbst,
daß das Lächeln müde ist, aber freundlich, und man geht weiter, schnappt sich
Tabak und Blättchen vom kleinen Tisch vor dem Sofa. Man geht in sein Zimmer,
das früher ein Atelier war, jetzt aber ist es ein Mausoleum für eingetrocknete
Pinsel und verklumptes Terpentin unten in alten Einmachgläsern, und man setzt
sich und steckt sich eine Zigarette an. Dann merkt man, daß sogar das Zwinkern
anstrengend geworden ist, und man denkt immer wieder, bald ist es zu Ende, bald
ist Schluß mit diesem Leben, das soviel gesehen, das viel zu wenig getan hat.
Aber dann, fast ohne es selbst zu bemerken, wirft man einen Blick aus dem
Fenster. Man sieht das Vogelhaus, das vor zehn Jahren erbaut worden ist. Und
meine Güte, war das nicht ein Buchfink? Nein, ein Dompfaff? Und man streckt die
Hand nach dem Illustrierten Buch der Singvögel aus, und die Bewegung geht
weiter, die große Bewegung hinein ins Unbekannte geht weiter.
Übersetzung aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs